Von Appenzell nach Varanasi: Als Orthopädist im Zivildienst-Auslandeinsatz
Direkt nach meiner Ausbildung als Orthopädist ging es für mich im Zivildienst-Auslandeinsatz nach Indien. Ein Rückblick auf ein halbes Jahr bei der Kiran Society in Varanasi, die Arbeit mit Orthesen und Prothesen und die Faszination für eine Stadt, die mir wie ein anderer Planet vorkam.
Im Oktober 2018 war es so weit. Ich machte mich mit zwei grossen Koffern vom kleinen, traditionellen Appenzell auf den Weg in die religiöseste und verrückteste Stadt Indiens. Die Koffer waren voll mit Füssen, Stangen und Kniegelenken (alte Prothesenteile, die in der Schweiz nicht mehr gebraucht wurden). Meine Familie und Freunde konnten es kaum glauben, dass ich mich von der schönen und sicheren Schweiz trenne und ein halbes Jahr in einer komplett gegensätzlichen Kultur mit viel Armut und Leid leben werde. Ich habe mir schon seit Anfang meiner Lehre vorgenommen, meinen Beruf in einem anderen Land auszuüben, welches dringend Hilfe benötigt. Deshalb hat sich ein Zivildienst-Auslandeinsatz in Indien, direkt nach meiner Ausbildung als Orthopädist, perfekt angeboten.
Da ich zuvor nie Europa verlassen hatte und erst noch aus dem kleinen Appenzell komme, hat mich ein anderer Orthopädist-Zivi am Flughafen in Delhi abgeholt. Das hat die Ankunft in Indien erleichtert. Er zeigte mir, wie man auf der Strasse richtig verhandelt und welche Dinge beim Reisen zu beachten sind, um sich nicht in Gefahr zu bringen oder von den Einheimischen über das Ohr gehauen zu werden. Danach ging es mit einem zweiten Flug gemeinsam weiter zu meinem neuen Arbeitsplatz und Wohnort, der Organisation Kiran Society in Varanasi, Uttar Pradesh.
In den engen Gassen von Varanasi sind Elefanten, Kamele, Affen, Schweine, Pfauen und natürlich viele heilige Kühe anzutreffen. Der Verkehr ist chaotisch und laut, alles andere als geordnet und perfekt wie in der Schweiz. Am Abend ist die ganze Stadt belebt. An den Ufern des heiligen Flusses Ganges werden täglich Zeremonien mit tausenden von Lichtern und Blumen durchgeführt. Die Gebete sind bis in die kleinsten Winkel der Stadt zu hören. Die heiligste Stadt der Hindus wird von vielen Pilgern besucht und es herrscht eine aussergewöhnlich positive Stimmung, die ich sonst noch nirgends so erlebt habe.
Die Reise dorthin war überwältigend. Als der kleine Bus mich nachts durch die Strassen brachte, klebte ich sprachlos und mit grossen Augen am Fenster. Vom Gefühl her war es, als ob ich mich auf einem anderen Planeten befinden würde. So fremd und anders kam mir alles vor. Es war kein Kulturschock, sondern eine tiefe Faszination über das, was ich sah. Ich spürte ein tiefes Staunen darüber, dass es so etwas überhaupt gibt auf der Welt. Obwohl es schon mitten in der Nacht war, geschah draussen so unendlich viel gleichzeitig. Am Strassenrand waren Familien mit kleinen Kindern zu sehen. Sie leben in selbstgebauten Lehmhütten oder unter gespannten Plastikplanen, während der Dreck von der Strasse durch ihre Hütten weht und der Fluss nebenan, der eine schwarze Brühe vor sich herzieht, einen beissenden Geruch in der Nase hinterlässt.
Direkt am Ufer des Ganges, wo täglich tausende von Personen auf und ab gehen, werden rund um die Uhr Kremationen unter offenem Himmel durchgeführt, während die Leute daneben Zähne putzen oder zu wilder Musik tanzen. Jeder Hindu träumt davon, am Ganges in Varanasi eingeäschert zu werden, da man damit vom Zyklus der Wiedergeburt erlöst wird. Es ist deutlich zu spüren, dass das eine grosse Ehre für diese Menschen ist. Das lässt den Anblick dieses Rituales nicht schlimm erscheinen.
Das Kiran Village liegt 12 Kilometer ausserhalb der Stadt, umgeben von einigen Farmen mit Reisfeldern und Büffeln. Zu Fuss erreicht man in fünf Minuten einen kleinen Shiva-Tempel, der direkt am Ufer des nahegelegenen Ganges erbaut wurde. Es ist der perfekte Ort, um entspannt den Sonnenuntergang nach der Arbeit zu geniessen. Bei meiner Ankunft war ich überrascht, wie gross die Organisation KIRAN ist. Sie besteht vor allem aus einzelnen kleinen Schulgebäuden, welche Bildung für etwa 400 arme und behinderte Kinder bieten. Neben der normalen Schule werden den jungen Indern auch Studiengänge oder Berufsausbildungen angeboten, zum Beispiel als Schneiderinnen, Gärtner, Schreiner sowie Orthopädisten und Orthopädistinnen. Das stellt gerade für behinderte Menschen, die oft diskriminiert werden, eine riesige Chance dar. Sie können einen guten Beruf erlernen, um später ein normales, in die Gesellschaft eingegliedertes Leben zu führen.
Neben der Bildung werden auch viele Fachbereiche der Rehabilitation abgedeckt, was Diagnose, Therapie, medizinische Massnahmen und die Versorgung mit orthopädischen Hilfsmitteln beinhaltet. Ich kam mit der Erwartung in die «Ortho-Unit», dass ich mit simplen Werkzeugen, einem kleinen Sortiment an Materialien und viel Kreativität improvisierte Hilfsmittel herstellen würde. Es zeigte sich aber, dass diese Werkstatt im Gegensatz zum indischen Standard sehr modern ausgestattet ist. Wir bekommen viele gebrauchte Passteile von Schweizer Orthopädie-Firmen, die trotz einigen Gebrauchsspuren in einem brauchbaren Zustand sind. Wir können somit Hightech-Prothesen und Orthesen herstellen und den Patienten ein Lächeln ins Gesicht zaubern, wenn sie sich von der alten Orthese verabschieden, die meist aus einigen wenigen, verkrümmten Metallstäben besteht.
Auch die benötigten Werkzeuge im Kiran sind auf dem neuesten Stand. Die Mitarbeiter haben bereits ein sehr gutes Wissen und einen hohen Qualitätsstandard. Das ist zum grossen Teil auch den vielen Zivis zu verdanken, die jährlich das Gelernte der neuesten und modernsten Techniken aus der Schweiz mit nach Indien gebracht haben. Am meisten ist jedoch Hampi Stastny zu verdanken, der jedes Jahr zweimal das Kiran besucht, um die komplexen orthopädischen Fälle zu versorgen. Durch seine gute Leitung wurde die Werkstatt in den letzten zehn Jahren auf dieses hohe Level gebracht.
Zwei spannende Prothetik-Fälle
Erster Fall: Unterschenkelprothese nach Motorradunfall
Dieser Mann, etwa 45 Jahre alt, hatte bei einem Motorradunfall sein rechtes Bein verloren. Da die Verletzungen zu gross waren, musste das Bein in der Mitte des Unterschenkels amputiert werden. Seine Erwartungen waren recht niedrig, als er kürzlich mit zwei Krücken bei uns angekommen ist. Er sah keine grosse Hoffnung mehr für seine Zukunft und hatte seinen Job als Reinigungskraft in einem Schulhaus aufgegeben.
Durch Carbonfasertechnik konnten wir eine leichte und stabile Prothese für ihn herstellen. Zusätzlich verbauten wir einen gebrauchten, dynamischen Carbonfederfuss aus der Schweiz, den man sonst in Indien fast nie zu Gesicht bekommt. Indische Prothesen bestehen meist noch aus Kunststoff- und Holzteilen. Als der Patient für die Anprobe kam, strahlte er über das ganze Gesicht. Nach nur wenigen Schritten konnte er schon ohne Gehhilfen gehen. Kurz darauf ist er verschwunden, um seine Prothese draussen zu testen. Erst nach zwei Stunden kam er wieder zurück, damit wir die Prothese endgültig fertigstellen konnten. Mittlerweile arbeitet er wieder an seinem alten Arbeitsort und ich freue mich immer wieder über einen Besuch von ihm im Kiran.
Zweiter Fall: Versorgung eines vierjährigen Mädchens
Diesen Fall habe ich zusammen mit Hampi, unserem Orthopädie-Coach, versorgt. Ich habe das Mädchen bei einem Outreach-Camp entdeckt. Die vom Kiran organisierten Camps finden regelmässig in abgelegenen Regionen von Varanasi statt. Das Outreach-Team besteht aus einem Arzt, Physiotherapeuten, speziellen Pädagogen und einem Techniker für Orthetik und Prothetik. Zusammen werden die optimalen Therapiemassnahmen für die Patienten untersucht und später bei einem längeren Aufenthalt im Kiran oder in einem spezialisierten Spital durchgeführt.
Dieses vier Jahre alte Mädchen hat bei einem tragischen Zugunglück ihr linkes Bein und ihre Mutter verloren, von der sie im Arm gehalten wurde. Nachdem wir das junge Mädchen begutachtet hatten, kontaktierte ich Hampi in der Schweiz, um die passende Versorgung zu besprechen und die Passteile zu organisieren. Kurz darauf bekam ich ein Foto mit all den erforderlichen Teilen zugesendet, die er in der Schweiz organisiert hat und mit nach Indien bringen würde. Nach seiner Ankunft konnten wir bereits am Wochenende mit der schwierig herzustellenden Prothese beginnen.
Unsere Erwartungen wurden übertroffen. Das anfangs noch betrübte und weinende Mädchen konnte schon nach zwei Tagen die ersten Schritte alleine machen und war sehr glücklich, als sie wieder auf zwei Beinen stand.
Die Zeit im Kiran wird mir für immer in Erinnerung bleiben. Von der positiven Ausstrahlung und Offenheit, mit der mir die Menschen entgegenkamen, konnte ich viel lernen. Ich wurde regelmässig von Personen eingeladen und in die indische Kultur miteinbezogen, sei es bei einer Hauseinweihung, einem gemeinsamen Austausch der Kochkünste oder bei einer klassischen indischen Hochzeit. Schnell haben sich enge Freundschaften gebildet. Trotz dem Verzicht auf den Komfort, den ich in der Schweiz hatte, durfte ich in Indien mit etwas Geduld und Offenheit eine der lehrreichsten und spannendsten Zeiten meines bisherigen Lebens verbringen.
Vielen Dank an die ganze Kiran-Familie und im Speziellen an Hanspeter Stastny, der sich immer bestens um die Orthopädie im Kiran und die vielen Zivis bemüht.
Madhopur, Varanasi U.P. im April 2019
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